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Published on 03.05.2016 by mumbo-admin

50 JAHRE MOTOWN

Erfolg kam nach dem „KISS“-Prinzip

Neue Osnabrücker Zeitung 12.1.2009
Von Tom Bullmann

Hätte Berry Gordy vor 50 Jahren nicht sein Label Motown gegründet, würde Barack Obama womöglich nicht in wenigen Tagen zum ersten schwarzen Präsidenten Amerikas vereidigt. Eine gewagte These? Sicher. Aber die Musik aus Gordys Hitfabrik hatte tatsächlich großen Einfluss auf die amerikanische Gesellschaft gehabt. Motown lieferte den Soundtrack zur US-Bürgerrechtsbewegung.

Das hatte Berry Gordy allerdings nicht geplant. Seine Motivation war keineswegs politisch, sondern rein ökonomisch geprägt. Der Plan, dem Rock ’n’ Roll der Weißen einen schwarzen Gegenentwurf zu liefern, ging auf: Zwischen 1961 und 1971 schafften es nicht weniger als 110 Titel aus dem Hause Motown in die Top Ten der USA. So avancierte Gordy zum reichsten afroamerikanischen Unternehmer seiner Zeit, der unzählige Musiker unter Vertrag hatte, die heute zu den Denkmälern der Popmusik gehören: The Supremes, The Four Tops, The Temptations, die Jackson 5, Stevie Wonder, Marvin Gaye und viele andere.

29 Jahre war Gordy alt, als er sich bei Verwandten 800 Dollar lieh und damit am 12. Januar 1959 in Detroit die Firma „Tamla Records“ gründete. Schon bald änderte der Mann, der sich als Fließbandarbeiter bei Ford und als Gelegenheitsboxer durchgeschlagen hatte, den Namen des Unternehmens in Motown um, eine Zusammensetzung der Worte Motor und Town als Synonym für die damals noch boomende Automobilstadt Detroit. Das Prinzip der Fließbandarbeit, die er in Henry Fords Werk kennengelernt hatte, übertrug Gordy auf die Musik. Ein Team von Produzenten, Autoren, Komponisten und Arrangeuren komponierte Songs am laufenden Band, die dann von der Motown-Hausband eingespielt wurden, einer äußerst versierten Truppe, der Gordy intern den Namen Funk Brothers gab. Sie waren für den typischen, flockigen Soulsound verantwortlich, den der Chef ihnen abverlangte. Ohne dass man sie kannte, spielten sie mehr Hits ein als die Rolling Stones und die Beatles zusammen. Bekannt wurden immer nur die Vokalisten, egal ob Einzelkünstler oder Gesangsgruppen. Allerdings kannten viele Musikhörer auch nicht die Gesichter der Sängerinnen und Sänger, weil Gordy anfangs bewusst darauf verzichtete, Fotos der Künstler auf den Plattencovern abzubilden. So wurden sie nicht als Schwarze geoutet und Motown-Platten auch vom zahlungskräftigeren weißen Publikum gekauft.

Wie schwer es für afroamerikanische Musiker Anfang der sechziger Jahre war, gerade im Süden der Vereinigten Staaten live aufzutreten, davon zeugen Erinnerungen wie die von Martha Reeves, die davon berichtet, dass ihr Tourbus beschossen wurde. War das Publikum zunächst noch nach Rassen getrennt, so führte unter anderem der massive Erfolg der Motown-Künstler bald dazu, dass Weiße und Schwarze gemeinsam zum Sound der Musik tanzten, die Gordy nach dem KISS-Prinzip produzieren ließ: „Keep it simple, stupid“ bedeutete, dass die Musik einfach und schlicht eingespielt werden sollte. Damit seine Künstler in der Öffentlichkeit so wenig wie möglich aneckten, richtete Gordy in seinem Haus eine Art Benimm-Abteilung ein, in der die Protagonisten, die meistens von der Straße kamen, gedrillt wurden: vom richtigen Halten einer Zigarette bis zur gepflegten Ausdrucksweise bei Interviews.

Mehr als fünfzehn Jahre versorgte Gordy den internationalen Markt mit Hits, dann verglühte sein Stern allmählich. Zwar konnten in den Achtzigern Sänger wie Lionel Richie noch Millionenhits landen, doch die Taktfrequenz nahm deutlich ab. 1988 verkaufte der Motown-Macher sein Geschäft an den Plattenriesen MCA. Heute wird Motown als Label des Majors Universal geführt, das Künstler wie Lindsay Lohan unter Vertrag hat. Zum Jubiläum der Plattenfirmen erscheinen diverse Kompilationen, zum Beispiel ein Box Set mit 192 weltweiten Nummer-eins-Hits unter dem Titel „The Complete Motown Nr. 1“